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Anke WEIDMANN

«Sichtbare Gefühle» (Газета «Stuttgarter Zeitung»)

Wenn die Figur des Nikola Alexejevitch Ivanov auf der Bühne steht, schwankend zwischen Euphorie und Schwermut, voller Gefühlspathos und in sich selbst gefangen - dann ist Michael Rybak glücklich. Glücklich, weil der Regisseur ukrainischer Herkunft am «Ivanov», Anton Tschechows Stimmungsdrama um einen russischen Intellektuellen, doch nur zu gut zeigen kann, was russische Dramatik im Kern ausmacht: «Unsere Leute sind emotional ganz anders, wir zeigen viel Sentiment», sagt er. «Wenn wir weinen, dann weinen wir richtig, wenn wir lachen dann lachen wir richtig - die Gefühle werden auf der Bühne sichtbar.»

Seit vier Jahren bringt der 54-Jährige mit dem «Theaterteam Stuttgart&rlaquo; die Dichter seiner Heimat auf die Bühne, zwei Produktionen sind unter seiner Regie in Stuttgart, Augsburg, München und Berlin gezeigt worden. Alle dreißig (Schauspieler sind russischer Herkunft und leben in Stuttgart. «Wir spielen mit russischer Mentalität», sagt Rybak. «In deutschen Inszenierungen ziehen sich die Leute auf der Bühne aus, um zu schockieren. Man kann aber auch mit dem schockieren, was in den Personen steckt. Ich verlange von der Dramaturgie, psychologisch, analytisch in die Handlung zu gehen.» Hiesige Theater achteten dagegen vor allem auf die Form.

Rybak hat Erfahrung. Als er mit seiner Familie 1994 nach Deutschland kam, weil seine Tochter an der John-Cranko-Ballettschule angenommen wurde, hatte er bereits als Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Fernsehmoderator in Kiew gearbeitet und dort drei Jahre lang das staatliche Theater geleitet. «Wir sind eine künstlerische Familie», sagt Rybak - seine Frau Alla tanzte auf der Ballettbühne der Kiewer Oper. Neugierig seien sie damals gewesen, hätten die Möglichkeit nach Deutschland zu gehen als Chance betrachtet, wieder etwas Neues zu beginnen in ihrem Leben. «Wie Stradivari, der aus einem einfachen Stück Holz doch immer wieder ein wunderbares Instrument geformt hat.» Seinen breiten Erfahrungshintergrund habe man dem Allround-Künstler hier jedoch nicht abgenommen. Dabei sei es in Russland und der Ukraine durchaus üblich, sich in mehr als einem Sektor zu versuchen: «Wenn du etwas willst und die Begabung dazu hast, dann machst du das.» Neue Erfahrungen, wie die Arbeit im Fernsehen, hätten schließlich immer auch seine Kenntnisse in anderen künstlerischen Bereichen genährt.

Rybak, der Russisch und Ukrainisch als seine beiden Muttersprachen bezeichnet, begann im Alter von 47 Jahren Deutsch zu lernen. «Je besser du die Sprache beherrscht, desto schneller kommst du zur deutschen Kultur. Ohne den Schlüssel der Sprache ist diese wie eine blinde Welt.» Doch trotz seiner inzwischen sehr guten Sprachkenntnisse war seinen Bewerbungen im Raum Stuttgart kein Erfolg beschieden. Auch habe er seine Erfahrung nicht mit Videoaufnahmen belegen können, schlicht, weil man an einem Theater in der ehemaligen Sowjetunion nicht über diese Technik verfügte. «Dann muss ich eben mein eigenes Theater gründen», dachte er, «das Interesse wird schon noch kommen.» Der Schritt zum «Theaterteam» war da nicht mehr weit.

Menschen von sechzehn bis siebzig Jahren gehören jetzt zum Ensemble. Bühnensprache, Tanzen, Schminken- Rybak hat ihnen alles beigebracht. Geprobt wird mindestens viermal die Woche. Monatliche Mitgliederbeiträge und ein Zuschuss vom Kulturamt der Stadt finanzieren das Ganze, Rybak verzichtet dabei weitgehend auf eine Gage und hat vieles aus eigener Tasche bezahlt. «Das ist eine Investition in die Zukunft», sagt er bescheiden, um dann doch noch eins drauf zu setzen: «Ich bin Profiregisseur und träume nicht vom Amateurtheater.» Einen eigenen Raum für das Theaterteam wünscht er sich, um auch mal Sachen lagern zu können. Für Aufführungen und Proben diente bisher das Alte Feuerwehrhaus im Süden der Stadt oder ein angemietetes Zimmer in der Augsburger Straße.

Zunächst spielte das Ensemble nur auf Russisch. «Zu den Vorstellungen sind nicht nur Menschen russischer Herkunft gekommen, sondern auch Deutsche, die ihre russischen Sprachkenntnisse auffrischen wollten», sagt Rybak. Für den Regisseur ist das ein Beweis für das Interesse der Deutschen an der russischen Dramaturgie. Nach der deutschen Aufführung des Kindermusicals «Kater Leopolds Geburtstag» im Dezember vergangenen Jahres will sich Rybak jetzt an den Ivanov und das Stück «Der Frühling kommt im Herbst» des in München lebenden Autors Boris Ratser wagen - auf Russisch und auf Deutsch. «Natürlich wird bei der deutschen Aufführung ein kleiner Akzent in unserer Aussprache bleiben», sagt Rybak. Doch wird Nikola Alexejevitch Ivanov als ein Mensch mit authentischem russischem Hintergrund auf die Bühne treten. Nicht zuletzt ein Beitrag zum Austausch der deutschen und russischen Kultur: «Theater ist doch ein Weg, Inhalte einer Kultur in die Gesellschaft zu bringen», sagt Regisseur Rybak.

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